15. August 2020

78 385: Vorbildrecherche

Nachdem sich vor einigen Jahren der Bausatz einer 78 aus dem Hause Weinert in meiner Projektpipeline eingefunden hat, muss natürlich eine konkrete Vorbildmaschiene mit drei Domen bzw. zwei Domen und einem Sandkasten identifiziert werden, die auf der Dhünnthalbahn im Einsatz war. Hierzu dient die Bestandsliste “Die Triebfahrzuege der Deutschen Bundesbahn und ihre Heimat Betriebswerke” mit Stand vom 31.12.1964 und die Suche nach dem BW Wuppertal Vohwinkel, das als einziges BW im Wuppertaler Raum 1964 noch Fahrzeuge der Baureihe 78 im Bestand hatte. Das Fahrzeugverzeichnis weist für Ende 1964 den Bestand der folgenden 14 Maschinen (alle mit Wendezugsteuerung) für das BW aus: 78 027, 78 126, 78 128, 78 134, 78 140, 78 160, 78 365, 78 368, 78 381, 78 382, 78 385, 78 397, 78 435, 78 468.

Aus dieser Liste habe ich für mich die 78 385 als nachzubauendes Vorbild ausgewählt. Vor dem Bau stehen noch Nachforschungen zum Vorbild an, um den Bausatz mit der original Maschine vergleichen und erforderliche Änderungen vor Baubeginn identifizieren zu können.

Lebenslauf der Maschine

1966: 78 385 in Wuppertal Vohwinkel
78 385 in Wuppertal Vohwinkel (Foto: Klaus D. Holzborn)

78 385 wurde 1922 von der Stettiner Maschinenbau Actien-Gesellschaft Vulcan an die Königlich Preußische Eisenbahn-Verwaltung (KPEV) ausgeliefert und als “Essen 8925” in Lennep stationiert. Von hier aus ging es spätestens 1958 nach Wuppertal Vohwinkel, wo auch Z-Stellung und Ausmusterung der Lok erfolgten. Laut www.revisionsdaten.de war die Lok zudem Anfang der 1960er Jahre an das BW Düsseldorf HBF verliehen, wobei konkrete Daten nicht bekannt zu sein scheinen. Für das Jahr 1964 kann die Lokomotive also gut dem BW Wuppertal Vohwinkel zugeordnet werden.

Bilder

Eine Bildrecherche liefert Anhaltspunkte über die Details, in denen der Bausatz vom gewählten Vorbild abweicht. Als Bildquelle kommt primär das Internet zum Einsatz, in dem sich beispielsweise auf den Seiten www.bahnen-wuppertal.de Bilder der Vorbildmaschine finden lassen, zudem verfügt Herr Holzborn in seinem Bildarchiv über mehrere Bilder dieser Lok. Sie sind gegen eine Gebühr als Papierabzug bestellbar und lassen viele Details erkennen. Weiterhin konnte mir Helmut Dahlhaus drei Aufnahmen mit dem Objekt der Begierde zur Verfügung stellen.

Mai 1965: 78 385 in Wuppertal Barmen
78 385 in Wuppertal Barmen
April 1966: 78 385 mit P4043 in Schwelm-Loh
78 385 in Schwelm-Loh

Abgesehen von einer Aufnahme von Herrn Holzborn, die aus dem “richtigen” Jahr (1964) stammt, sind alle weiteren Aufnahmen in den Jahren 1965 oder 1966 angefertigt worden.

78 385 in Essen (Foto: Klaus D. Holzborn)

Bei der Gegenüberstellung des Bildes von 1964 zu den weiteren Bildern aus späteren Jahren fällt auf, dass die Maschine zwischen 1964 und 1965 eine neue Rauchkammertüre erhalten hat. Da sich ein genaues Datum für den Umbau nicht mehr recherchieren lässt, kann das Modell beliebig mit einer der beiden Ausführungen gebaut werden.

Vergleich des Bausatzes mit den Vorbildfotos

Nachdem das verfügbare Bildmaterial der Vorbildmaschine zusammengetragen ist, geht es an den Vergleich mit dem Bausatz, um die Abweichungen zwischen dem Modell, wie es konstruiert wurde, und dem Vorbild und damit den Änderungsbedarf am Modell zu identifizieren.

Rauchkammertüre

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, besteht bei der Rauchkammertüre freie Wahl zwischen der alten Länderbahnausführung und der DB-Ausführung. Da die Anlage zeitlich 1964 angesiedelt ist, wird das Modell entsprechend des Bildes aus eben diesem Jahr nachgebaut, also mit der ursprünglichen, kleineren Rauchkammertüre.

Vergleich Rauchkammertüre Vorbild und Modell
Rauchkammertüren von Vorbild und Modellrohling

Die Gegenüberstellung der Vorbildaufnahme mit dem Rohling aus dem Hause Weinert führt zu folgenden Baustellen:

  • Auf 9, 12 und 3 Uhr müssen neue Vorreiber mitsamt den entsprechenden Platten angebracht werden
  • Die Nieten auf dem Gelenk müssen plan gefeilt werden
  • Die Lampe muss etwas nach Oben versetzt werden
  • Auf 9 Uhr muss eine zusätzliche Halterung angebracht werden
  • Auf 11,12 und 1 Uhr müssen dünne Stifte ergänzt werden
  • An den oberen Rand muss eine Steckdose angebracht werden
  • Die Nieten auf der Rauchkammertüre müssen zum Teil versetzt werden

Pufferbohlen

Pufferbohle: Vorbild und Modell
Pufferbohle: Vorbild und Modell

Die Vorbildmaschine gehörte zu den Fahrzeugen, die mit einer Hagenuk Wendezugsteuerung ausgerüstet waren, das Modell ist nicht als Wendezugmaschiene ausgeführt. Demzufolge fehlen dem Modell die zusätzlichen Bremsleitungen sowie die Leitungen für die Übertragung der Steuerbefehle zwischen Steuerwagen und Lok. Zusätzlich fehlt am Modell die Schmierleitung zum Kupplungsflansch sowie an der rechten Pufferhülse die Schlussscheibenhalterung. Und natürlich fehlt dem Modell die Beschriftung, die auf dem Vorbildfoto zu sehen ist.

Die Heizkupplung ist auf dem Bild nicht markiert, gehört jedoch auch zu den Teilen, die am Modell ergänzt werden müssen.

Zylinder

Signifikanter Unterschied zwischen den Zylinderblöcken des Vorbilds und denen des Modells ist die Abdeckung des Ölabsperrhähne: An den Zylinderblöcken des Modells sind sie flach, beim Vorbild sind sie rund.

Zylinder von 78 385
Werksseitiger Zylinder am Modell

Darüber hinaus fehlen an den Modellausführungen die diversen Entwässerungsleitungen und die Kolbenstangenschutzrohe am Modell müssen aufgebohrt werden.

Kesselarmaturen

Am Kessel müssen die Leitungen natürlich an die Leitungsführung des Vorbilds angepasst werden. Darüber hinaus lassen sich die folgenden Abweichungen zwischen Vorbild und Modell identifizieren:

  • Die werkseitige Verbundspeisepumpe KT1-250 ist gegen eine Verbundspeisepumpe mit Tolkiensteuerung auszutauschen
  • Auf der linken Seite der Rauchkammer muss der Einheitsturbogenerator ergänzt werden
  • Auf dem Rauchkammerträger müssen Tritte ergänzt werden

Wasserklappen

Wasserklappe der 78 385 mit Seilzug zur Fernbedienung
Seilzug zur Fernbedienung der Wasserklappe

Auf der Hauptlinie in Wuppertal wurde 1964 mit dem elektrischen Betrieb begonnen. Damit das Dampflokpersonal zum Wasserfassen nun nicht mehr auf die Maschinen klettern und sich der Gefahr eines Stromschlages aussetzen musste, wurden die Wasserklappen mit mechanischen Fernbedienungen ausgestattet. Bei der 78 385 wurden zu diesem Zweck Seilzüge installiert, mit denen die Wasserklappen vom Führerhaus aus geöffnet und geschlossen werden konnten.

Diese Mechanik ist werkseitig am Modell nicht vorhanden, muss also ebenfalls nachgerüstet werden.

Lager der Kuppelstange und Schmierpumpenantrieb

Buchsenlager an der Kuppelstang des Vorbilds
Keillager an der Kuppelstange des Modells

Das Beste zum Schluß: Aufmerksame Betrachter werden sofort feststellen, dass die Kuppelstangen des Bausatzes mit Keillagern nachgebildet sind. Bei dem Vorbild sind es aber Buchsenlager! Einen Umbaubericht, der die gleiche Problematik an der Kuppelstange einer P8 behandelt, gab es in Ausgabe Nr. 11 von Eisenbahn und Modellbau (der erste Teil des Artikels ist Teil der frei zugänglichen Inhalte und trägt den Titel “Wieviel Reichsbahn bei der P8? (FLEISCHMANN-P8-Modell), Teil 1“). Somit steht also auch ein Umbau der Treibstangen auf der Agenda (vielleicht). An der gleichen Stelle kann dann auch der Schmierpumpenantrieb nachgebildet werden.